Symphoniker 2

Urbanatix, Bochum

Wo sich Weltklasse und Schulklasse treffen, Text: Karin Lochner

Anna Stambulachis springt von einer meterhohen Rampe in die Tiefe. Sie fällt in ein riesiges Trampolin und läuft, vom Schwung getragen, Sekunden später die senkrechte Wand wieder nach oben. Die Biologiestudentin kennt diesen Trick schon aus der ersten Urbanatix-Show vor sechs Jahren. Damals saß sie als Schülerin im Publikum und war sofort elektrisiert. Heute gehört Anna fest zum Ensemble. Aufmerksam lauscht sie Christian Eggert, dem Regisseur dieses Bewegungs-Spektakels.

Generalprobe bei Urbanatix. Fünfzig Mitwirkende wuseln aufgedreht über die Bühne. Mittendrin Christian Eggert, ein Fels in der Brandung. Der Initiator von Urbanatix hat die letzten Nächte nur wenige Stunden geschlafen. Müde wirkt er aber nicht. Jedes Jahr im November stemmt er dieses Mammutprogramm und scheint verborgene Kräfte zu mobilisieren. Dabei beschwört er eindringlich die gemeinsam erarbeitete Leistung: Das Team ist der Star!

In den Urbanatix-Jahresshows zeigen Trendsportler von der Straße zwölf Tage lang gemeinsam mit internationalen Artisten in der Bochumer Jahrhunderthalle urbane Bewegungskünste wie Trampolin, Tricking, Parkour, Breakdance und Akrobatik mit und ohne BMX-Räder. Die Shows sind seit Jahren ein Publikumsmagnet. Bisher endeten alle mit stehenden Ovationen.

Von der Vision zum Erfolg

Dass Urbanatix trotz anfänglicher Widerstände eine Erfolgsgeschichte wurde, ist Christian Eggert zu verdanken.  Urbanatix ist seine Vision, Straßenkunst, Artistik, Musik- und Videoperformance zusammenzubringen. Das in jeder Hinsicht besondere Team der Mitwirkenden besteht aus professionellen Akrobaten aus der ganzen Welt, aber eben auch aus jungen, bewegungshungrigen Menschen aus dem Ruhrgebiet wie Anna. Beide Gruppen verflechten sich und wachsen zusammen. Es sei diese Teamleistung, die die Shows einzigartig mache, betont der Regisseur.

Herzstück dieser gelebten Integration ist die von Christian Eggert geschaffene Trainingsstätte „Open Space“ in Bochum, die aus dem Projekt Urbanatix hervorgegangen ist und von der Stadt Bochum und dem Land NRW gefördert wird. Unabhängig von der November-Show treffen sich dort das ganze Jahr ethnische und soziale Gruppen, die im Alltag normalerweise wenig miteinander zu tun haben. Sie trainieren gemeinsam, sie helfen einander, grüßen und umarmen sich. Es geht dem Initiator keineswegs nur um bühnenreife Akrobatik, sondern um Jugendarbeit, die bei der Zielgruppe gut ankommt. Und welcher Jugendliche wäre nicht euphorisiert von der Aussicht, nach ausreichendem Training mit einer tollen Performance auf der gigantischen Bühne der Bochumer Jahrhunderthalle auftreten zu können. 

Eine Halle mit Geschichte

Von diesem Gebäude war Christian Eggert seit jeher begeistert. Für die Urbanatix-Jahresshows gäbe es keine bessere Location, meint er. 1902 gebaut, bei der Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung gezeigt und anschließend als Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen in Bochum wiederverwendet, war die Halle sozusagen das erste Fertighaus der Industriekultur. Die Arbeiter malochten im Schweiße ihres Angesichts, bis in der Stahlindustrie irgendwann alle Lichter verlöschten. Jahrzehntelang blieb die einst stolze Halle dunkel, menschenleer und kalt.

Zum Glück für Eggert wurde der Koloss hundert Jahre nach seiner ersten Aufstellung revitalisiert. Jetzt ist er ein Ruhrgebiets-Kulturtempel erster Güte. Junge Menschen mit nackten Oberkörpern und bauchfreien Taillen verrenken und überschlagen sich zu Dutzenden schweißüberströmt bei der Urbanatix-Generalprobe. Oder sie fliegen mit dem Rad durch die Lüfte. Christian Eggert koordiniert mit seinem Mikrofon die Programmpunkte von Bikern, Tänzern und Akrobaten. Trampolin-Artistin Anna lässt sich fallen und schwebt als Mauerläuferin nach oben, diesmal mit einem Salto vorneweg. Einfach so, um sich aufzuwärmen.

Erfolgsrezepte

Die Technik ihrer atemberaubenden Stürze lernte sie jedoch nicht von Projektinitiator Christian Eggert. Er vermittelt keine Tricks, sondern steht für das große Ganze, die Perspektive, die lange Sicht. „Each one teach one“ ist das Trainingsprinzip beim Erlernen der  Kunststücke. Jeder, der einen Trick beherrscht, gibt sein Wissen weiter. So wächst der Erfahrungsschatz der Mitwirkenden immer mehr. Denn während des ganzen Jahres finden im Open Space Gastseminare von internationalen Artisten statt. Viele von ihnen sind im November auch bei den Jahresshows dabei. Der Erfolg von Urbanatix kommt nicht von ungefähr – das gilt für die Jugendlichen, die das ganze Jahr über hart trainieren, wie für den Regisseur.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wirkt Christian Eggert als Inhaber der Agentur „DACAPO – Kultur Offensiv!“ im Artistik-, Show- und Eventbereich. Schon Mitte der 1980er-Jahre, noch als Schüler und später als Jugendbetreuer, organisierte er Festivals, Salsa-Abende, Hardcore-Punk-Konzerte, Bandaustausch, Freizeiten, Zeltlager und anderes mehr. Im Kulturladen Wattenscheid, wo er damals arbeitete, entstand die „Kalle-Show“. Götz Alzmann, die Missfits, Atze Schröder und andere Revier-Größen steckten zwar noch in den Anfängen ihrer Karriere, doch sie brachten schon damals ein mittelgroßes Publikum zum Toben. Die Kalle-Show wurde der Grundstein für Eggerts Agentur.

Im Revier prägt Christian Eggert das Bühnenleben jetzt seit fast drei Jahrzehnten. Er hat im Oberhausener „Theatro Centro“ die Konzept-Show „Blue Balance“ mit entworfen, die Konzertdisco „Riff“ mit erfunden, das Luna-Varieté in Dortmund angestoßen und ganz nebenbei Frank Goosen und Jochen Malmsheimer dazu überredet, ihre bürgerlichen Berufe aufzugeben und „Tresenlesen“ professionell anzubieten. Zwölf Jahre war er dann ihr Agent. Eggerts Inszenierungen spiegeln seine tiefe Verbundenheit mit dem Varieté. Es gelingt ihm, eine neue, erzählende Bildsprache auf die Bühne zu bringen. Allein die Show „Blue Balance“ sahen 140.000 Zuschauer. Das schafft in Deutschland sonst nur der Cirque du Soleil. 

Offener Lernraum

Bei Urbanatix werden ebenso die gängigen Grenzen des Genres Bühnenshow gesprengt, wobei schon der Name auf die urbanen Bewegungskünste verweist. Auch der Titel des Trainingsgeländes „Open Space“ ist Programm, denn hier ist jeder Jugendliche willkommen, ohne dass den Eltern Kosten entstehen. Auch Studentin Anna Stambulachis ist so oft beim Open Space, wie es ihr Studium erlaubt. Anna gefällt die zwanglose Atmosphäre: keine Vereinsmeierei, keine Hierarchien, keine festgelegten Abläufe. 

Wer im Open Space regelmäßig trainiert, kann irgendwann bei der Urbanatix-Bühnenproduktion mitwirken. Wie Anna. Für die Deutsche mit griechischen Wurzeln ging damit ein Traum aus Schulzeiten in Erfüllung. Doch die Jugendlichen lernen nicht nur perfekt getimte Choreografien oder energiegeladene Tricks von meterhohen Rampen, sagt Christian Eggert. Sie lernen auch Zusammenhalt, Pünktlichkeit, Disziplin, Toleranz und Respekt anderen Kulturen gegenüber. Immerhin trainieren Menschen aus allen sozialen Schichten mit „Wurzeln in mehr als 18 Nationen“ gemeinsam an diesem Ort.

Schon in seinen fünf Jahren als Jugendbetreuer war Eggert fasziniert davon, wie Auftritte junge Menschen verwandeln, formen und weiterbringen können. An der Arbeit mit professionellen Artisten begeistert ihn auch, dass die Künstler bei ihren Bühnenauftritten in kurzer Zeit die Essenz ihres ganzen Künstlerlebens präsentieren. 

Furchtlos stürzt sich Anna während der Generalprobe erneut in die Tiefe auf ihr Trampolin und landet mit wehenden Haaren auf der Absprungrampe. Sie kann sich mittlerweile vorstellen, nach ihrem Studium professionell Artistin zu werden. Eine Zeitlang zumindest. Sie hätte sogar schon Jobangebote bekommen, weil sie zum Urbanatix-Ensemble gehört, erzählt sie mit stolz leuchtenden Augen. 

Christian Eggert lobt Anna und ihre Fortschritte. Auch alle anderen Beteiligten werden mit motivierenden Worten bedacht. Jeder Einzelne trage zum Erfolg der Show bei: die Regieassistentin, der Choreograf, Ton- und Lichtdesigner, musikalische Leiter, Bühnenbildner, Videodesigner, Stagecrew, Percussionisten, Akrobaten, Jugendliche, einfach alle. Zufrieden übergibt der Regisseur das Mikrofon an Takao Baba, den Choreografen. Es wirkt wie das Überreichen der olympischen Fackel.

Typische Ruhrgebiet

Anna schwärmt: „Urbanatix ist wie eine Familie.“ Das ist das Stichwort für Christian Eggert, er kommt auf das unterschätzte Potenzial des Ruhrgebiets zu sprechen: In keiner Region arbeiten und leben Menschen aus mehr Nationen, Ethnien und Einkommensschichten nebeneinander und meistenteils friedlich zusammen. Urbanatix ist daher nicht nur eine brillante Bühnenshow. Und der stürmische Applaus gilt nicht alleine den Darbietungen. Hier wird die Aufbruchsstimmung für eine Region gefeiert, die alle Akteure gemeinsam – im wahren Wortsinn – verkörpern.

Dass die Programmkommission das Projekt für die europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010 ablehnte, ließ Christian Eggert seinerzeit nur noch hartnäckiger kämpfen. Auch wenn finanzielle Hilfen der öffentlichen Hand ins Stocken gerieten, glaubte er immer an Urbanatix und finanzierte manches auf eigenes Risiko vor. Am Ende wurde Urbanatix für RUHR.2010 nachnominiert. Zur großen Abschlussveranstaltung lud man die wichtigsten Akteure sogar zu Urbanatix in die Jahrhunderthalle ein. Erst durchgefallen, dann Musterschüler – was für ein Aufstieg! Heute ist Urbanatix eines der wenigen Projekte, die nach dem Ende von RUHR.2010 noch existieren. Sein Vorbildcharakter strahlt weit über das Ruhrgebiet hinaus. Vielleicht entsteht daraus sogar mal eine Artistenschule. Das ist jedenfalls Christian Eggerts nächste Vision.

Botanik Raw